Inverses Schlüpfen bei Ischnura elegans (Van der Linden) (Odonata: Coenagrionidae)


Förster, S.

Libellula 14(3/4): 203-208

1995


In 1991 and 1992 inverse emergence of larvae of Ischnura elegans was noted at lake Wilsleben in the northeast foothills of the Harz. In 1991 counts of exuviae on five days have resulted in a maximum figure of 33% for inverse exuviae of I. elegans. On 30 May 1992, during the period of maximum emergence, the process of inverse emergence was documented fotografically. The reason for this behavior is not yet understood. It may be argued, that under the situation of high lokal density of larvae inverse emergence may help to avoid damage by following larvae.

Libellula
14
(3/4):
203-208
1995
Kurzmitteilung
Inverses
Schlüpfen
bei
lschnura
elegans
(Vander
Linden)
(Odonata:
Coenagrionidae)
Steffen
Förster
eingegangen:
10.
Jan.
1995
Summary
In
1991
and
1992
inverse
emergence
of
larvae
of
Ischnura
elegans
was
noted
at
lake
Wilsleben
in
the
northeast
foothills
of
the
Harz.
In
1991
counts
of
exuviae
an
five
days
have
resulted
in
a
maximum
fig-
ure
of
33%
for
inverse
exuviae
of
1.
elegans.
On
30
May
1992,
dur-
ing
the
period
of
maximum
emergence,
the
process
of
inverse
emerg-
ence
was
documented
fotografically.
The
reason
for
this
behavior
is
not
yet
understood.
It
may
be
argued,
that
under
the
situation
of
high
lokal
density
of
larvae
inverse
emergence
may
help
to
avoid
damage
by
following
larvae.
Von
den
Larven
der
Coenagrioniden
Etythromma
najas
(Hansemann)
und
E.
viridulum
(Charpentier)
ist
horizontales
Schlüpfen
auf
Pflanzenteilen
an
der
Wasseroberfläche
hinreichend
bekannt
(vgl.
GERKEN,
1984;
HEIDEMANN
und
SEIDEN-
BUSCH,
1993;
SCHORR,
1990).
SCHMIDT
(1991)
registriert
dieses
Verhalten
nun
auch
bei
anderen
Arten
der
Schwimm-
und
Tauchblattrasen
entfernt
vorn
Ufer,
wie
Enallagma
cyathigerum
(Charpentier)
und
Cercion
lindenii
(Selys),
wobei
der
Mangel
an
Steffen
Förster,
Pfeilergraben
49,
D-06449
Aschersleben
204
Steffen
Förster
vertikalen
Strukturelementen
in
dieser
Vegetationszone
offensicht-
lich
eine
ausschlaggebende
Rolle
spielt.
Für
Ischnura
elegans
wird
die
waagerechte
Schlupfhaltung
eben-
falls
in
der
Literatur
angeführt
(CHOVANEC,
1993;
HEIDE-
MANN
und
SEIDENBUSCH,
1993)
und
ist
von
ELEND
(1990)
fotografisch
dokumentiert.
Allerdings
dürfte
bei
ihr
weniger
der
Mangel
an
aufrechtem
Schlupfsubstrat
als
das
der
Art
eigene
Ver-
haltensrepertoire
primär
dafür
verantwortlich
sein.
Trotz
der
Anpassungsfähigkeit
der
Art
überraschte
mich
der
Um-
fang
der
Funde
kopfabwärts
geschlüpfter
I.
elegans-Larven,
die
ich
in
den
Jahren
1991
und
1992
am
Wilslebener
See
im
Nordostharz-
vorland
machte.
Der
Wilslebener
See
stellt
ein
flaches,
natürlich
eutrophes
Ge-
wässer
dar,
das
von
einem
mehr
oder
weniger
breiten
Schilfgürtel
gesäumt
wird.
An
ihm
besitzen
einige
Odonaten
ihren
regionalen
Verbreitungsschwerpunkt,
darunter
auch
I.
elegans.
Sie
kommt
hier
als
eudominante
Art
mit
einer
relativen
Häufigkeit
von
71%
und
einer
geschätzten
Populationsgröße
von
30.000
Imagines
vor,
be-
zogen
auf
den
ca.
20
ha
großen,
in
Verlandung
befindlichen
Nord-
westteil
des
Sees
(FÖRSTER,
1994).
Aufmerksam
wurde
ich
auf
das
abnorme
Schlupfverhalten
am
03.06.1991
im
Rahmen
einer
sporadischen
Exuvienaufsammlung.
Dieses
Verhalten
wurde
bereits
mehrfach
in
der
Literatur
beschrie-
ben
(CHOVANEC,
1993;
MACENZIE
DODDS,
1992;
THICKETT,
1991).
Eine
Auszählung
in
begrenzten
Teilflächen
der
Ufervegetation
am
03.06.,
08.06.,
11.06.,
16.06.
und
19.06.1991
ergab
einen
maximalen
Anteil
von
33%
invers
angehefteter
Exuvien.
Die
Witterungsbedingungen,
z.T.
kräftige
Winde,
Tem-
peraturen
um
20°
Celsius
und
starke
Bewölkung,
waren
an
allen
fünf
Tagen
annähernd
konstant.
Somit
können
zunächst
keine
Rückschlüsse
auf
eventuell
vorhandene
Korrelationen
zwischen
Witterung
und
Schlupfposition
gezogen
werden.
Stichproben
im
darauffolgenden
Jahr
ließen
jedoch,
in
Übereinstimmung
mit
MACKENZIE
DODDS
(1992),
solche
Zusammenhänge
als
un-
realistisch
erscheinen.
I
nv
erses
S
chl
ü
pf
en
b
ei
I
sch
nura
el
e
gans
Inverses
Schlüpfen
von
Ischnura
elegans:
Abb.
1
(links):
inverse
Ruheposition;
Abb.
2
(rechts):
Nach
30
Min.
wird
das
Substrat
ergriffen
206
Steffen
Förster
Nach
mehreren
vergeblichen
Ansätzen
gelang
es
mir
am
30.05.
1992,
zur
Zeit
der
höchsten
Schlupfaktivitäten
der
Saison,
den
Schlupfvorgang
an
einer
kopfabwärts
gerichteten
Larve
zu
verfol-
gen
und
fotografisch
zu
belegen.
Die
Larve
befand
sich
ca.
15
cm
über
der
Wasseroberfläche
in
relativ
dichter
und
hochwüchsiger
Verlandungsvegetation
an
einem
diesjährigen
Phragmites-Halm
in
ca.
30
cm
Entfernung
vom
Ufer.
Unterhalb
des
Schlupfortes
betrug
die
Wassertiefe
etwa
10
cm.
Gegen
11.15
Uhr
begann
sich
der
Vorderkörper
des
Tieres
lang-
sam
aus
der
aufgeplatzten
Larvenhaut
zu
befreien
und
verharrte
dann
in
der
für
Schlanklibellen
typischen
(vgl.
ARNOLD,
1990),
aber
um
180°
gedrehten
Ruheposition
(Abb.
1).
Dabei
wurde
es
von
den
noch
am
Thorax
haftenden
Auskleidungen
der
Tracheen-
stämme
gegen
das
Herabfallen
gesichert.
Nach
einer
fast
dreißig-
minütigen
Aushärtungsphase
ergriffen
die
nun
funktionsfähigen
Extremitäten
das
Substrat
(Abb.
2)
und
die
Libelle
zog
ihren
Hin-
terleib
binnen
weniger
Sekunden
vollständig
aus
der
Larvenhülle
heraus,
um
sich
dann
sofort
abzudrehen
(Abb.
3)
und
in
der
nor-
malen
Position
die
Streckung
und
weitere
Erhärtung
ihrer
Körper-
teile
zu
vollziehen
(Abb.
4).
Über
die
Gründe
des
kopfabwärts
gerichteten
Schlupfes
kann
bis
jetzt
nur
spekuliert
werden.
Denkbar
wären
verstärkte
intra-
bzw.
interspezifische
Interaktionen
der
Larven
kurz
vor
dem
Schlupf
in
der
Nähe
günstiger
"Ausstiegsmöglichkeiten",
der
die
Tiere
zwecks
Abwehr
von
Beschädigungen
während
des
Schlupfvorganges
(durch
Überkriechen
weiterer
Larven)
veranlaßt,
ihre
Unterlage
in
inverser
Stellung
gegen
Nachzügler
zu
verteidigen.
So
stellt
sich
abschließend
die
von
weitergehenden
Untersuchun-
gen
zu
beantwortende
Frage,
ob
Ischnura
elegans,
und
ggf.
auch
andere
Coenagrioniden,
bei
hohen
lokalen
Larvendichten
regelmä-
ßig
auf
inverses
Schlupfverhalten
zurückgreift.
Literatur
ARNOLD,
A.
(1990):
Wir
beobachten
Libellen.
Urania-Verlag,
Leipzig-Jena-Ber-
lin
CHOVANEC,
A.
(1993):
Beitrag
zur
Emergenz
von
Ischnura
elegans
(Vander
Linden)
(Odonata:
Coenagrionidae).
Libellula
12
(1/2):
11-18
Inverses
Schlüpfen
von
Ischnura
elegans:
Abb.
3
(links):
schnelle
Aufwärtsdrehung;
Abb.
4
(rechts):
Streckung
und
weitere
Aushärtung
I
nv
erses
S
chl
ü
pf
en
b
ei
I
sch
nura
el
e
gans
208
Steffen
Förster
ELEND,
A.
(1990):
Waagerechter
Schlupf
von
Ischnura
elegans
(Vander
Linden,
1823)
(Odonata:
Coenagrionidae).
Libellula
9
(1/2):
63-65
FÖRSTER,
S.
(1994):
Die
Odonatenfauna
des
einstweilig
sichergestellten
NSG
"Wilslebener
See"
und
ihre
Bedeutung
für
den
Naturschutz.
Naturschutz
im
Land
Sachsen-Anhalt
31
(1):
27-36
GERKEN,
B.
(1984):
Die
Sammlung
von
Libellen-Exuvien
-
Hinweise
zur
Metho-
dik
der
Sammlung
und
zum
Schlüpfort
von
Libellen.
Libellula
3
(3/4):
59-72
HEIDEMANN,
H.
und
R.
SEIDENBUSCH
(1993):
Die
Libellenlarven
Deutsch-
lands
und
Frankreichs.
Handbuch
fiir
Exuviensanunler.
Verlag
Erna
Bauer,
Keltern
MACKENZIE
DODDS,
R.
(1992):
Inverted
emergence
by
Ischnura
elegans
(Vander
Linden)
at
Ashton
Water
Dragonfly
Sanctuary.
J.
Br.
Dragonfly
Soc.
8
(2):
13-15
SCHMIDT,
E.
(1991):
Horizontales
Schlüpfen
bei
mitteleuropäischen
Zygopteren
(Coenagrionidae).
Odonatologica
20
(1):
85-90
SCHORR,
M.
(1990):
Grundlagen
zu
einem
Artenhilfsprogramm
Libellen
der
Bun-
desrepublik
Deutschland.
Ursus
Scientific
Publishers,
Bilthoven
THICKETT,
L.A.
(1991):
Inverted
emergence
by
Ischnura
elegans
(Vander
Lin-
den).
J.
Br.
Dragonfly
Soc.
7
(2):
33